Es ist still am Hauptbahnhof Leipzig, das Wetter ist schön, es ist sehr warm am Tag der Arbeit. Am Seiteneingang zur Osthalle stehen vier Polizisten. Sie schwitzen, kein Wunder, denn sie tragen grüne Rüstungen: Schulterpolster aus Plastik, Schienbeinschoner, Rückenpanzer, Brustpanzer, dazu Handschuhe, Helm und Schlagstock am Gürtel. In den Westentaschen der Beamten stecken Wasserflaschen. Es ist eben sehr warm an diesem Sonntag, 1. Mai, zwölf Uhr mittags.
Zwei glatzköpfigen Jugendliche wollen in die Osthalle vom Bahnhof, „nur mal zur Zugauskunft“, sagen sie. Die Polizisten lassen sie nicht durch. Wer schon in der Demo steckt, angemeldet vom Hamburger Neonazi Christian Worch, soll auch da bleiben, jedenfalls wenn es nach dem Willen der Polizisten geht. 500 Neonazis seien bisher da, schätzt ein Polizeisprecher. Am Ende des Tages werden es offiziell 800 bis 1000 sein. Ein kleiner Trupp Glatzköpfiger schlendert aus dem Bahnhof, um sich den Neonazis anzuschließen, argwöhnisch beäugt von Polizisten und Journalisten. Einer trägt ein buntes Hawaii-Hemd, passend zum Wetter. Die dreißig jungen Männer sehen aus, als seien sie auf Klassenfahrt. Auf den Straßenbahngleisen vor dem Hauptbahnhof stehen die ersten Gegendemonstranten, so ungefähr 1000, schätzt der Polizeisprecher. Die Stimmung ist entspannt, es passiert ja nichts, es ist schon halb zwei. Vier Jugendliche sitzen auf dem Bordstein, sie tragen gelbe T-Shirts von der IG Metall, darauf steht: „Kein Sex mit Nazis!“ Vom Augustusplatz hört man leise die Reden der Gewerkschaften, schließlich ist Tag der Arbeit. Neben der Osthalle, dort, wo die Neonazi-Demo steht, blökt jetzt auch ein Lautsprecher. Die Polizei verliest die Auflagen für die Demonstranten: Keine verbotenen Symbole, keine verfassungsfeindlichen Sprechchöre. Es ist viel Platz zwischen Neonazis und Gegendemonstranten, auch viel Polizei, insgesamt sind 2500 Beamte im Einsatz. Es ist heiß, es bewegt sich nichts.
Auch auf dem Ring bewegt sich nichts, er ist abgesperrt. In der Schillerstraße stehen Polizeiwagen. Die Straße ist Teil der geplanten Demo-Route, aber das Café dort hat geöffnet, warum auch nicht, es ist ein herrlicher Tag. Ohne die Polizeibusse könnte es ein ganz normaler Sonntag sein. So sehen es auch die Gäste und die resolute Chefin: „Ich habe keine Angst vor der denen“, sagt sie, und wie zum Beweis stellt sie eine Tafel mit dem Kuchenangebot auf den Bürgersteig.
Über uns kreist ein Polizeihubschrauber, ein Polizeiwagen fährt mit heulender Sirene durch die Schillerstraße, dann noch einer, und noch einer. Sie verfolgen ein paar rennende Jugendliche, schwarze Kapuzenpullover, schwarze Sonnenbrillen. Wie viel Benzin verbraucht die Polizei heute eigentlich? Plötzlich klingelt mein Telefon, es ist kurz vor vier, die Nachricht kommt: Die Demo ist losgelaufen. Ich laufe auf den Ring, stehe neben dem Gewandhaus. Es wird hektisch, Polizisten sperren die Goldschmidtstraße, alle Seitenstraßen zum Ring sind zu. Auf der Kreuzung am Augustusplatz versammeln sich die Gegendemonstranten, versperren den Weg. Wasserwerfer rücken vor, aus den Seitenstraßen kommen mehr Blockierer. In der Goldschmidtstraße stehen Polizisten aus Magdeburg, sie wissen nicht, wo die Gegendemonstranten hinter ihnen herkommen, sie kennen die Schlupflöcher nicht.
Auf der Kreuzung Augustusplatz stehen jetzt drei Wasserwerfer, davor eine bunte Sitzblockade. „Achtung, Achtung, hier spricht die Polizei“, schallt es über die Köpfe, „räumen sie die Straße“. Eine Frauenstimme antwortet am Megaphon, „wir bleiben hier sitzen“, die Gegendemonstranten spielen Musik von Roger Whittaker. Die Spannung in der Luft ist spürbar. Eine schwarz-rote Flagge weht direkt vor dem Wasserwerfer, daneben eine Regenbogen-Fahne. Pace, Frieden, steht darauf. Die Stimme aus dem Lautsprecher droht mit dem Einsatz der Wasserwerfer, droht ein zweites Mal, dann schießen die ersten Fontänen in die Menge. Die Gegendemonstranten spielen die Internationale, aber die Fahrer der Wasserwerfer halten nichts von Solidarität. Sie sprühen weiter, mal über, mal in die Blockade aus sitzenden Menschen.
Wie auf Kommando bricht die Gegendemo schließlich auseinander, es ist halb fünf, die Blockade hat zehn Minuten gehalten. Viele fliehen über die Straßenbahnschienen zum Roßplatz, ich fliehe mit, will nicht von der Welle überrollt werden. Am Augustusplatz werden die restlichen Blockierer abgedrängt. Die Polizei fährt zwei Wasserwerfer bis zum Roßplatz vor, zwei Panzer mit Räumschilden sind dazu gekommen, sie sehen aus wie grüne Planierraupen.
Ein paar Autonome stehen schon am Roßplatz, direkt daneben ein Trupp Polizisten. Alle schwitzen, die Autonomen unter ihren schwarzen Kapuzen, die Polizisten in ihren Kampfanzügen, die Hitze wird nicht weniger. Alle trinken Wasser, sammeln neue Energie. Für den Moment ist die Aufregung der letzten zehn Minuten vorbei. Ich treffe den Korrespondenten der „taz“, er erzählt, auf der Karli gebe es Zusammenstöße und die Polizei räume dort die Straße.
Dann biegt der Wagen an der Spitze der Neonazi-Demo um die Ecke, vor den Wasserwerfern steht jetzt eine Hundertschaft Polizisten, der Roßplatz füllt sich mit Protestierern, die Neonazis sind nicht zu sehen. Die Autonomen sehen nicht sehr friedlich aus, hier schwenkt keiner eine „Pace“-Flagge. Polizisten marschieren vorbei, ein großer Trupp, genug, um den Roßplatz in einen Kessel zu verwandeln. Ich gehe neben ihnen her, will nicht eingeschlossen werden. Ihre Stiefel und Rüstungen quietschen, aber die Polizisten reden nicht, es ist eine unheimliche Stimmung. Wir biegen in die Karli ein, am Polizeipräsidium liegen Pflastersteine auf der Straße, jemand hat versucht, die Scheiben einzuschmeißen. Es steigt Rauch auf, die Polizisten fangen an zu laufen, ich laufe hinterher, irgend etwas brennt. Eine Gruppe Punker wird aus einem Hauseingang gezerrt und abgeführt, sie leisten keinen Widerstand. Ich sehe jetzt, was brennt: Es ist eine Barrikade auf der Straße, ein Müllcontainer steht in Flammen. Protestierer sind keine mehr da, dafür aber die Feuerwehr. Ich gehe näher heran.
An der Barrikade stehen zwei Kameramänner, der eine trägt einen Schutzhelm. „Hast du das Feuer?“, fragt er seinen Kollegen, der nickt. Dahinter steht ein kleiner Junge, vielleicht 13 oder 14 Jahre alt, er ist in eine „Pace“-Flagge gehüllt. Er schaut auf die ausgebrannte Barrikade. In seinem Gesicht wechseln sich Neugier und Unverständnis ab, er scheint zu jung, um zu verstehen, was hier geschieht. Ein Räumpanzer rückt an und schiebt den abgebrannten Schrott zur Seite. Ein paar Einsatzwagen fahren durch, sie kommen aus Richtung Süden und wollen in die Innenstadt.
Ich gehe zurück, will wissen, wo die Demonstration jetzt ist. Der Roßplatz ist immer noch voll mit Gegendemonstranten. Der Demonstrationszug der Neonazis ist gestoppt, sie improvisieren eine Kundgebung vor dem Ringcafé, es ist sechs Uhr und immer noch sehr warm. Überall sind Gegendemonstranten, die Sprechchöre „Nazis raus“ übertönen die Kundgebung. Die Polizei hat den „polizeilichen Notstand“ ausgerufen, die Einsatzkräfte glauben nicht, dass sie den Weg für die Demo frei machen können. Im Niemandsland zwischen den beiden Polizeiketten dudelt entspannende Musik aus einem Lautsprecherwagen der Polizei. Keiner hört sie.
Die Gegendemonstranten rücken näher an die Kundgebung. Sie zeigen ihren Gegnern den Stinkefinger, „Nazis raus“, ein Autonomer ruft „ihr seid schlechte Faschisten“, keiner weiß, was er damit meint. Glatzköpfe grölen unverständlich zurück und drängen gegen die Polizisten, die zwischen den Fronten stehen. Verstärkung kommt im Laufschritt, jetzt fliegen auf beiden Seiten Flaschen, ein Polizist warnt mich, zurückzubleiben. Die Demonstration wird abgeschirmt, am Augustusplatz geht eine Rauchbombe hoch, die Stimmung ist aufgeheizt, Adrenalin pumpt. Der Roßplatz ist nicht mehr abgeriegelt, von dort kommen Autonome, zwischen den Straßenbahnschienen finden sie Pflastersteine. Die Steine fliegen auf Polizisten und Neonazis, mit gezogenen Schlagstöcken drängen die Beamten die Autonomen zurück, es gibt Handgemenge.
In sicherer Entfernung treffe ich zwei Ehepaare, etwa Mitte fünfzig, die zum Konzert ins Gewandhaus möchten, genau durch die Straßenschlacht. „So geht das nicht“, kommentiert einer der beiden Männer die Gewalt auf der Straße, „das ist nicht der richtige Weg“. Es ist zehn vor sieben, in zehn Minuten müssen sie auf ihren Plätzen sitzen. Vermutlich waren sie gerade noch pünktlich. Hinter dem Augustusplatz haben die Polizisten die Situation wieder unter Kontrolle. Sie sind schweißgebadet, aber sie begleiten die Demonstration jetzt zügig und ohne weitere Zwischenfälle zum Bahnhof. Die Protestierer, Autonomen, Gegendemonstranten spazieren gemütlich hinterher, auch in Richtung Bahnhof, hinter der Polizeikette. Für wen war der heutige Tag ein Erfolg? „Für uns natürlich“, sagt ein junger Gegendemonstrant, „die Nazis sind ja nicht mal 500 Meter weit gekommen“.
Es ist kurz nach sieben, und die Neonazis stehen wieder dort, wo sie heute Mittag begonnen haben: neben der Osthalle des Hauptbahnhofs, unter Polizeischutz. Eine kleine Gruppe Gegendemonstranten versammelt sich zum Abschluss des Tages, sie tragen rot-weiße Armbinden, mit Äpfeln drauf statt Hakenkreuzen. „Was gibt der deutschen Jugend Kraft?“ ruft der Vorredner durchs Megaphon, „Apfelsaft, Apfelsaft“ antworten seine Mitstreiter, die Umstehenden lachen, auch die Polizisten, die in Hörweite stehen. Am MDR-Turm spiegelt sich die tiefstehende Abendsonne. Langsam, aber sicher, kühlt sich der Tag wieder ab.
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